Sebastian Gögel

1978 in Sonneberg geboren
1997-2002 Studium der Malerei, HGB Leipzig
2002 Diplom bildende Kunst
2005 Meisterschüler Klasse Gille
Einzelausstellungen
2014 „Ohne Sorge“, Laden für Nichts, Leipzig
2013 „Energy“, Tatau Obscur, Berlin
2012 „Boulevard“, Galerie Emmanuel Post, Berlin
2011 „Medusa in Paris“, Galerie Laurent Mueller, Paris
“Kassierer”, Parrotta Contemporary Art, Stuttgart
“Pharaoh’s Horse”, Kunsthalle Erfurt
2010 „Calicula“, Emmanuel Post, Leipzig
„Oyster“, Galerie Adler, Frankfurt/Main
HAGEL: Ewiger Frühling, Galerie B2, Leipzig
2008 G E M , Museum of Contemporary Art, The Hague, The Netherlands
“come rain or come shine”, Emmanuel Post, Leipzig
HAGEL: „BOMBOM“, Galerie Adler, Frankfurt am Main
2007 „Stirb bevor du böse wirst“, Galerie Hobbyshop, München
HAGEL: Zwickmühle, Galerie B2, Leipzig
“Welcome to the Sculpture Club”, Emmanuel Post, Leipzig
2006 “FLUCH”, Galerie Adler, New York, USA
HAGEL: “Dance on the dancefloor”, Chung King Project, Los Angeles, USA
HAGEL: „HYPERHYPER“, Galerie Wohnmaschine, Berlin
2005 „GMORTOX“, Galerie Adler, Frankfurt/Main
„Transformer“, Emmanuel Post, Leipzig
2003 „Augen auf“, Comptoire Kunstmagazin, Sonneberg
„Waldmeister“, Laden für Nichts, Leipzig
Ausstellungsbeteiligungen
2015 „Vertraute Gesellschaft“, Thaler Originalgrafik, Leipzig
2014 HAGEL: Bühnenskulptur für Clemens Meyers „Danton oder der Tod im Dschungelcamp“, Kammerspiele, München
HAGEL: „Saloon LFN“, MMK, München
„amorph polymorph metamorph“ galerie emmanuel post, Berlin
2013 „Mensch werde wesentlich!“ – Kunstverein Freunde Aktueller Kunst, Zwickau
„Horse of a Different Color“ – MOHS Exhibit, Copenhagen, DK
“100 – Jahre Zukunft” – Galerie Notwehr, Sonneberg
“Stelldichein” – Bruch & Dallas, Köln
“Darkness, Baby!” – SCHAU FENSTER – Schauraum für aktuelle Kunst, Berlin
HAGEL: „acht mal Zeichnung – Linien und Systeme“ – Kunstverein Leipzig
„Weltenschöpfer – Richard Wagner, Max Klinger & Karl May“ Museum der bildende Künste, Leipzig
„Obsessive Worlds”- Works on Paper, Galerie Emmanuel Post, Berlin
“GRAPHIC VIOLENCE AND PAINTERLY BLISS”,  ZIC ZERP Galerie – Rotterdam, NL
“Verfhond’s International Painting Show”, Appels Gallery, Amsterdam
2012 „Lost Paradise“ – Blumenbilder in der Fotografie der Gegenwart,  Mönchehaus Museum, Goslar
„The Collection-German Art from Kiefer to Henning”, Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam, NL
“A.B.C. Mooning” – Gallery Fist, Hamburg
“Stadt der Schatten – Die Verwandlung”, Galerie Rothamel, Erfurt
„Cliffhanger“, Minken und Palme, Berlin
„Just Paint“, Gemeentemuseum, Den Haag, NL
„LUBOK-Exhibition“, Printroom, Rotterdam, NL
2011 „Dinner für Spinner“, Laden für Nichts, Leipzig
„First and Last and Always“, Weiss Cube Galerie, Leipzig
‚OCKHAMS MESSER‘ –  Emmanuel Post, Berlin
„Celebration Sebastian“, Galerie Kleindienst, Leipzig
„AUSLöSER“ . Fotografie-Konzepte in Leipzig, Kunsthalle der Sparkasse, Leipzig
2010 „Donnerwetter“ – , Minken und Palme, Berlin
„THE DISASTERS OF PEACE“ – Umspannwerk Berlin-Tiergarten, Berlin„die Dinge des Lebens . objekte in der leipziger kunst“, Kunsthalle der Sparkasse Leipzig
“Lubok bei Bongout !” – Bongout, Berlin
“Glassworks”, Autocenter, Berlin
“The Library of Babel / In and Out of Place” –  Zabludowicz Collection, London, Großbritannien
“Dark: A Show to Winter”, FOURTEEN30 Contemporary, Portland, Oregon, USA
“DEMONOLOGY” – CHARLIE SMITH, London, Great Britain
2009 „Das Kabinett des Doktor Celsius“, POST, Freiburg i. Br.
„Neue Leipziger Schule / New Leipzig School“, Cobra Museum of Modern Art, Amstelveen, Niederlande
2008 „Zweidimensionale“, Kunsthalle der Sparkasse Leipzig
„Past-Forward“, Zabludowicz Collection, London
2007 „Leipziger Jahresausstellung“, Leipzig
“FACE UP”, Galerie Adler, New York, USA
„DAS LOCH“, Galerie b2, Leipzig
„WASSER! FORT! HILFE! AU! SCHÖN! NICHT!“, Hafen+Rand, Hamburg
„DLD Collection“, Gemeentemuseum, Den Haag
„O Täler weit, o Höhen. Landschaft hier und heute“, Comptoir Kunstmagazin, Sonneberg
“Replacing Mashkov. Recent acquisitions by the Gemeentemuseum Den Haag”, Gemeentemuseum, Den Haag
2006 “ANOTHER WORLDS”, Arario Gallery, Cheonan, Südkorea
HAGEL: “I just don’t know what to do with myself”, Ritter/Zamet, London
HAGEL: „Kreuzschlitz“, Laden für Nichts, Leipzig
2005 „im Abseits“, EMMANUEL POST, Leipzig
2004 “Ideal”, Comptoire Kunstmagazin, Sonneberg
“Plazasuite”, Union Gallery, London
2003 „Jahresausstellung“, Leipzig
2002 „Paradies“, Stadtwerke Halle, Halle
2001 „Topflappenausstellung“, Laden für Nichts, Leipzig
2000 „Melodie einer Nacht“, Galerieprojekt Hobbyshop, Leipzig
„Klasse Gille“, Galerie Timm Gierig, Frankfurt/Main

Visionäre Kanäle und kosmische Poren

Sebastian Gögels Zeichnungen, Malereien und Skulpturen reißen den Betrachter hinein
in eine schwindelerregende Fahrt durch das panoptische Labyrinth der menschlichen Psyche. Reflexartig bleibt man erst einmal stehen vor diesen drastischen Szenarien, blutrünstigen Überfällen und grimassierenden Protagonisten, fasziniert von ihrer kompromisslosen Präzision und schrecklichen Schönheit. Es entfaltet sich vor unseren Augen eine Wunderkammer des Grauens und des menschlichen Instinkts, mit allen Sinnesfasern die Korruption des Fleisches im Ambiente eines prämoralischen Biodramas zwischen skatologischer Wahrheit und eskatologischer Erwartung erleben zu wollen. Man kann es nicht rational erklären, aber genau dieses besitzt einen unheimlichen Magnetismus. Den Bildträger (Leinwand, Papier) begreift Gögel als die Membran auf der – analog alchemistischer Transformationsprozesse – Innerlichkeit und Außenwelt in unverwechselbaren Bildfindungen aufeinander treffen, sich reziprok beeinflussen und zwischen Eindruck und Ausdruck wechselseitig verwandeln.
Zuweilen mit einem sehr speziellen Sinn für Humor setzt Gögel die amorphe, talgig-glitschige
Substanz der Farbmaterie, die ätzend-fluiden Eigenschaften geschmolzenen Metalls
und die spröde Faktizität von einfachem Sperrholz als Bedeutungsträger ein, um ambivalente Sinnbilder über den universellen Kampf um die Form zu erschaffen.
Ganz bewusst versetzt Gögel den Betrachter in ein rückwärtsgewandtes optisches Klima:
Gehäutete Fleischköpfe in biedermeierlichen Pinguinanzügen, parasitäre, hamsterbackige
Babygreise in ordentlich enggeschnürten Stiefeletten scheinen wie ferngesteuert in einer blaugrauen Welt und Zeit zu handeln, die nicht der Gegenwart entsprechen. Wie Marionetten hantieren Gögels wurmähnliche Kopfabschneider blind und unschuldig besessen mit blitzblanken Waffen und Werkzeugen, füllen widersprüchliche Substanzen und blubbernde Emulsionen in Monstranz-ähnliche Urnen und Gefäße ab. Nicht selten rollt ein Kopf durch diese Galaxie des Bösen, wird durchschnitten oder, glubschäugig erstarrt, in apotheotischer Geste als Trophäe der Hässlichkeit und Wille zur Macht aufgespießt. Der Betrachter verspürt einen starken Drang, lachen zu müssen, kann es aber nicht so richtig.
Gögels dämonisch zähnefletschende Büsten, nudelfressende Rotzlinge und bestialische
Fratzen halten dem Kulturbürger und hypegetriebenen zeitgenössischen Kunstkonsumenten
den Spiegel vor. Ausgehend von der (nicht neuen) Vorgabe, dass man alles – aber auch
nur alles – in der Kunst machen kann, ist eine Sensationsbesessenheit ins Leben gerufen
worden, die man als Künstler einerseits bedienen will oder muss, und aus der man andererseits um jeden Preis auszubrechen sucht. Gögels Bildwelt kann dementsprechend auch als Analyse und im Ansatz Kritik einer Verwertung des Künstlers durch die Institutionen des Marktes und die des eigenen Lebensentwurfs als Künstler gelesen werden. Der Künstler
Gögel zelebriert sein Unwohlsein als Subjekt innerhalb dieser Verwertungsstrategien, indem
seine Werke offensiv mit Erscheinungsformen einer »psychopathischen« Kunst spielen.
Ähnlich wie die Arbeiten des zwischen Barock und Klassizismus anzusiedelnden deutsch-
Österreichischen Bildhauers Franz Xaver Messerschmidts (1736 – 83) halten viele seiner
Zeichnungen, Gemälde und Skulpturen den Moment einer tragikomischen Starre und
grotesken Verzerrung fest, im genialistischen Spagat zwischen der psychischen Überspannung einer tiefen, inneren Selbstreflexion einerseits und eines genuinen Schreckens vor der bestialischen Gier und Brutalität andererseits, die offensichtlich das Treiben der fleischlichen Welt bestimmen. Signifikanterweise scheint Gögel gelegentlich zu erläuternden Endpunkten seines Bildprogramms in einzelnen Skulpturen zu gelangen. So zum Beispiel die Arbeit »Dunkler Planet«: Ein dunkelbrauner überdimensionierter kugelrunder Klumpen liegt im Ausstellungsraum, zugleich vital und tot, zugleich anorganisch und organisch. Als ausgeschiedener kosmischer Nierenstein mit einer gewaltigen offenen Pore wirft »Dunkler Planet« viele Fragen ob seiner Herkunft auf und bietet dem zentralen Verlangen, »das Universum in eine Kugel zusammenzudrücken, um sie in Richtung irgendeiner überwältigenden Frage zu rollen« des J. Alfred Prufrock in T. S. Eliots »The Love Song of J. Alfred Prufrock« (1917) zirka neunzig Jahre später adäquate plastische Gestalt. Gögel bietet jedoch keine Lösung zu dieser Kernfrage an, außer der Möglichkeit einer ewigen Wiederholung derselben Frage. Was in seinen Zeichnungen, Gemälden und auch Tätowierarbeiten als drastische Penetrationsmotivik und Perforationsgeste fungiert, gewinnt in seinen Skulpturen eine zusätzliche metaphysische Bedeutungsebene. Hier liefert Gögel gewissermaßen Einblick in die gedanklichen Werkzeuge, Nebenformen und Urwesen seiner (Bild-)Welt. Fernab verkrampfter Bemühungen, das Schöne im Hässlichen, das Groteske im vermeintlich Normalen (oder umgekehrt) anhand eines technisch überambitionierten Manierismus bis an die Grenze des Kitsches zu formulieren, gewähren die Skulpturen Einblick in den kosmischmateriellen Kontext Gögels künstlerischer Untersuchungen.
In einer weiteren Skulptur, »Figur« 2008, versucht sich ein stalagmitisch emporwachsendes
Fließwesen triefend von den Gesetzen der Schwerkraft zu befreien: ein harter Kampf
gewiss, der das Genick dieses gelatinös-geschmeidigen Humanoiden letztendlich doch
strapaziert und in horizontale Stellung zu bringen droht. Auf tautologische Weise benötigt
er jedoch die Anziehungskraft der Erde um richtig in Form zu kommen, seinen tragikomischen, viskos-blubbernden Wachstumsweg weiter verfolgen und seine fluiden Produkte porentief ausscheiden zu können. Als Psychogramm betrachtet, geht es hier nicht bloß um das Freisetzen des Verdrängten, sondern um das metallische Erstarren einer nichtinstrumentalisierbaren dunklen Macht, die die Konvulsionen des Ausdrucks aber antreibt: Es ist was Anderes, was uns zur Kontaktaufnahme zwingt, bloß was ?
»Error« 2008, die Kubatur einer in einfacher Bauweise konstruierten, gedämmten
Holzkiste verdichtet sich zum psychologischen Gedankenspiel, frei nach dem illustrativen
Motto: »Wer total offen ist, ist nicht ganz dicht.« Der Kasten, der verschiedentlich an einen
Kühlschrank, Sarg, ein Laborschränkchen, Architekturmodell oder eine Werkzeugtruhe
denken lässt, liegt als Skulptur am Boden, mit allen sechs Türklappen geöffnet, wie beiläufig
gestrandet. Wie von einem anderen Planeten zu Besuch unter uns gelandet, strahlt
der Kubus zunächst eine von Luft und Licht durchflutete positive, wenngleich mysteriöse
Präsenz aus. In diesem Zustand als hyperventilierende Kapsel büßt der Kasten seine
Funktion als praktischen Gebrauchsgegenstand ein und erlangt paradoxerweise den Status
eines Behälters formal-ästhetischer Inhalte.
In »Imperator« 2008 tritt der Spiegel als Urinstrument der Selbstreflexion und – wenn
man Glück hat – der Selbsterkenntnis, als handwerklich penibel ausgeführte, narzisstische
Vasenekstase auf. In seiner Form immer noch als funktionales pseudo-neoklassizistisches
Behältnis wahrnehm- und einsetzbar (vielleicht als Blumentopf, Champagnerkelch, Taufbecken, Tennisballbehälter oder Pinseleimer) erzeugt das Ding verstörenden optischen Lärm, der einen Kurzschluss zwischen Disko und mitgebrachtem römischem Klimbim des großen Feldherren Hannibal produziert. Auf jeden Fall ist diese sich vortizistisch selbstverschlingende, glasfressende Vasenblume vorstellbar auf der Terrazzoterasse eines jeden Deutschen der schon mal in Italien war (s. Martin Kippenbergers »Nudeln machen ihn glücklich«) und gerne kultiviert lebt, vielleicht auch malt: Sie scheint die psycho-ornamentale Symbiose zweier konkurrierender Kulturen zwischen Norden und Süden zu verkörpern, kann jedoch über diese mystische Einigung – und wie wir aussehen, wenn wir jene zu erkennen glauben – formbedingt lediglich fragmentarisch Auskunft geben.
Weder ist Sebastian Gögel daran interessiert, eine Moralität des Pessimismus über den
Lauf der Welt zu proklamieren, noch die Vorzüge einer gegenständlichen Malereiauffassung
mit quasi-religiöser Arroganz zu verteidigen. Angetrieben vom Spieltrieb, seine eigene
Position in der Welt als Künstler zu behaupten und zu hinterfragen, postuliert er vielmehr
Fragen zur immanenten Problematik des Formens und den daraus resultierenden Konsequenzen für das Künstlersubjekt. Durch die Mittel der Groteske und karikaturalen Überhöhung gelingt es Gögel, Erscheinungsformen von Moral und Gegenständlichkeit gleichzeitig anzuwenden und auszuhebeln, um zwingende Fragen zur Erziehungsproblematik eines sich selbsterziehenden Bürgertums zu visualisieren. Gewiss, das ist auch eine moralische Frage, jedoch auf anderer Ebene.

von Oliver Kossack